Diskussion: Call-by-Call und Preselection nach wie vor gefragt

Marktteilnehmer sprichen sich für weitere Regulierung des Marktes aus

24. September 2015

In Kürze steht eine weitere Regulierungsrunde bei der Frage der Deregulierung im Festnetz vor der Tür. Die Gefahr dabei: eine Entscheidung gegen die Regulierung würde das Ende von Call-by-Call und Preselection bedeuten. Die beiden Sparmöglichkeit beim Telefonieren sind allerdings hierzulande weiterhin beliebt. Am Mittwoch haben mehrere Call-by-Call Anbieter zusammen mit den Vertretern der Bundesnetzagentur, aus der Politik, der Wissenschaft und der Presse über die Notwendigkeit von Call-by-Call und Preselection für den Telekommunikationsmarkt, den Wettbewerb und die Verbraucher diskutiert. Der Haupttenor: Sparvorwahlen sollen nicht gefährdet werden, denn die Konsequenzen einer Deregulierung wären gravierend.

Auch heute, in Zeiten von Flatrates und Internettelefonie, wählen Menschen aus rund fünf Millionen Privathaushalten beim Telefonieren eine Sparvorwahl. Dies geht aus den Zahlen der Bundesnetzagentur für das vergangene Jahr hervor. Auch wenn die Zahl mit den Jahren immer weiter abnimmt, haben Call-by-Call und Preselection weiterhin Vorteile für die Nutzer, vor allem aus ökonomischer Sicht. Denn die Nutzer können damit immer noch bis zu 90 Prozent ihrer Gesprächskosten sparen.

Seit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarkts 1998 nutzen die Deutschen Call-by-Call (das Wählen einer Sparvorwahl vor einer Telefonnummer) und Preselection (die Sparvorwahl wird durch eine Voreinstellung automatisch gewählt). In dieser Zeit sind die Kosten für Telefongespräche deutlich gefallen, vor allem bei Anrufen ins Ausland. Dennoch sind die Sparmöglichkeiten bei Call-by-Call im Vergleich zu den Preisen der Anschlussanbieter zum Teil enorm.

In einer Studie im Auftrag der Telekommunikationsanbieter habe sich gezeigt, dass die beiden Dienste heute noch kein Auslaufmodell seien. »Der Markt für Call-by-Call ist nach wie vor ein bedeutsamer«, so Prof. Dr. Torsten Gerpott und Prof. Dr. Peter Winzer, die das Gutachten von Dialog Consult erstellt haben. »Bis zu einer Milliarde Euro müssten Verbraucher Jahr für Jahr aus eigener Tasche mehr bezahlen, wenn Call-by-Call und Preselection wegfallen würden. Für uns ist das ein klares Zeichen, dass Sparvorwahlen für viele Verbraucher noch immer sehr wichtig sind«.

Neben der Preisersparnis ist auch die Einfachheit der Dienste ein Vorteil für die Nutzer. Ein Wechsel zu Alternativangeboten sei für die Nutzer nicht immer einfach. Vor allem, wenn es um ältere Verbraucher geht, die zur Hauptnutzergruppe von Preselection zählen. »Alles, was diese Menschen wollen, ist ein funktionierender Telefonanschluss und möglichst niedrige Telefonkosten. Sie wollen sich nicht mit neuen, komplizierten Technologien auseinandersetzen, sie wollen kein Internet, sie interessieren sich nicht für Komplettpakete. Sie sind seit Jahrzehnten bei der Telekom und wollen weder das ändern, noch einen anderen Vertrag bei der Telekom oder einem Mitbewerber abschließen. Eine Sparvorwahl ist für sie oft die einzige Chance, beim Telefonieren den eigenen Geldbeutel zu schonen. Alles andere würde sie einfach überfordern,« so Oliver Rockstein, Geschäftsführer von Tele2 Deutschland.

Laut einem weiteren Gutachten von WIK Consult seien Call-by-Call und Preselection auch aus einer anderen Sicht für den deutschen Telekommunikationsmarkt wicht. Denn die Einführung der Sparvorwahlen im Jahr 1998 hat für mehr Wettbewerb und sinkende Preise gesorgt. Im Fall der diskutierten Deregulierung von Markt 2 wäre mit steigenden Kosten für Telefonate ins Ausland und in die Mobilfunknetze zu rechnen, so Dr. Henseler-Unger, Geschäftsführerin von WIK Consult.

Veränderungen am Markt ziehen ebenfalls Veränderungen für den Verbraucher mit sich. Dessen ist sich auch die Bundesnetzagentur bewusst, die bereits im vergangenen Jahr eine Entscheidung im Regulierungsbereich treffen musste. Michael Schimmel, Referatsleiter Ökonomische Grundsatzfrage der Regulierung Telekommunikation bei der Bundesnetzagentur, nahm die Ergebnisse der präsentierten Studien und die Argumente der Panelisten ernst: »Auch unsere eigenen Erhebungen belegen, dass der Markt für Call-by-Call und Preselection für die deutschen Verbraucher nach wie vor eine Bedeutung hat. Es ist aber deutlich geworden, dass die Hürde, die es beim nächsten Mal zu nehmen gilt, durch die EU-Märkteempfehlung höher geworden ist. Denn wir müssen prüfen, ob der deutsche Telekommunikationsmarkt sich in diesem Segment durch nationale Besonderheiten auszeichnet, um die Regulierung im Markt 2 aufrechtzuerhalten«.

Die EU-Kommission hat bereits 2014 mit der Überarbeitung der Märkteempfehlung entschieden, einige Teile des europäischen Telekommunikationsmarktes nicht mehr für die Regulierung zu empfehlen. Darunter auch die Märkte, die in Deutschland Voraussetzung für die Existenz von Call-by-Call und Preselection sind. Die nationale Entscheidungshoheit hat jedoch die Bundesnetzagentur. Und sie folgte der EU-De-Regulierungstendenz nicht, sondern entschied: Markt 1 (Zugang von Privat- und Geschäftskunden zum öffentlichen Telefonnetz an festen Standorten) wird weiter reguliert. Sie schuf damit eine wichtige Basis für das Fortbestehen von Call-by-Call und Preselection.

Doch nicht nur die Regulierung von Markt 1, sondern auch die weitere Regulierung von Markt 2 (Verbindungsaufbau im öffentlichen Telefonnetz an festen Standorten) ist wichtig, damit die 5 Millionen Haushalte in Deutschland, nach wie vor Call-by-Call und Preselection nutzen können. Diese Entscheidung und damit eine weitere Regulierungsrunde stehen jetzt bevor. Die Bundesnetzagentur, kann aber von der Empfehlung der EU-Kommission abweichen und Markt 2 auch weiterhin regulieren. Hierfür müssen in Deutschland nationale Besonderheiten vorliegen, die eine weitere Regulierung erfordern. Und genau das ist der Fall: die Anzahl der Nutzer ist weiterhin hoch, die Einsparmöglichkeiten sind erheblich und es mangelt an Alternativen für diese Nutzer, so Tele2. Diese Besonderheiten würden auch auch die Dialog-Consult- und die WIK-Studien belegen.

Ferner sei auch eine Ausweitung der Call-by-Call Dienste denkbar und auch zu begrüßen. Aktuell können nur Nutzer eines Festnetzanschlüsses bei der Deutschen Telekom Call-by-Call und Preselection nutzen. Markt-Experten sprechen sich auch für die mögliche Nutzung der Sparvorwahlen für Gespräche von Festnetzanschlüssen alternativer Anbietern Kabelnetzbetreibern und aus den Handynetzen aus.

 
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